Von wilden Pferden und zahmen Rindern

Nach dem Frühstück machten wir uns diesmal auf den Weg zur Giara di Gesturi, einer Hochebene im Herzen Sardiniens, die mit zahlreichen Nuraghen, Seen und wilden Pferden beeindruckt. Mit dem Auto fuhren wir also zwei Stunden durch bergige Landschaft, die dann in eine Serpentinenfahrt zur Giara mündete. Oben verschafften wir uns einen Überblick über die Sehenswürdigkeiten und machten uns dann auf den Weg zur Nuraghe Tutturuddu, die wir nach kurzem Spaziergang erreichten.

Dort erwartete uns eine start zerfallene, von Moos bedeckte Nuraghe, in deren fast mystischer Atmosphäre wir eine Zwischenmahlzeit (Brote, Obst, GetreideSchokoriegel) einnahmen. So gestärkt ging es weiter Richtung Pauli Maiori, einem See an dem sich im Sommer Wildpferde aufhalten sollen. Dabei kamen wir noch an einem kleinen botanischen Garten vorbei, den jemand in dieser abgelegenen Gegend pflegt. Den haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen, obgleich er nicht bei allen auf gleich großes Interesse stieß. 😉

nuraghe tutturuddu

Nach einigem Suchen fanden wir dann den Pauli und sogleich einige Pferde, die an dessen Rand weideten. Wir legten also eine längere Fotopause ein und gingen dann weiter.

Pferde am See

Bruno hatte in einiger Entfernung noch Ziegen gesichtet, die dank ihrer Glocken auch gut zu hören waren. Allerdings waren sie sehr fotoscheu, sodass wir – nachdem wir sie (unabsichtlich) vertrieben hatten, weitergingen und von einigen weiteren Pferden überrascht wurden. Hier trafen wir auch noch andere Besucher, die leider extrem nah an die Tiere herangingen, um Fotos zu machen. Da das unerwünscht ist (um die Wildheit zu erhalten und die Tiere auch nicht zu vertreiben), machten wir nur Fotos aus der Ferne.

wilde Pferde

Wir schlugen uns dann teilweise durchs Dickicht, immer dem GPS folgend um wieder einen Wanderweg zu erreichen. Schließlich landeten wir am anderen Ende der Giara, wo wir schon ein Rind im Wald sichteten. Später standen wir dann den Tieren gegenüber. Das Jungtier sah so erschrocken aus, als habe es noch nie einen Menschen gesehen. Wir mussten aber deren (offene) Weide überqueren, um unseren Weg fortesetzen zu können. Also hieß es: Ungefährlich aussehen und langsam aber bestimmt weitergehen.

Es wurde dann auch langsam dunkel und das Wetter wurde schlechter. Kaum waren wir am Auto angekommen, fing es an zu regnen und zu gewittern. Wir fuhren aber problemlos durch das Unwetter zurück und konnten dann zu Hause noch beobachten, dass unser Haus offenbar nicht für solches Wetter ausgelegt ist. Denn das Wasser sammelte sich auf dem Boden des Innenhofes und lief durch die Tür in die Küche!

Dunkelheit

Su Nuraxi in der Marmilla

Führung in der Nuraghe Su Nuraxi

Heute war mal wieder Kultur angesagt. In der Nähe der Wanderung von vorgestern findet sich bei Barumini die Nuraghensiedlung „Su Nuraxi“, die nur mit Führungen zu besichtigen ist. Um den zentralen Nuraghenturm wurden hier ein Hof sowie vier weitere Türme erbaut, so dass die Anlage die Form einer Festung annimmt. Um die Festung herum wurde wiederum später mit etwas Abstand ein weiterer Mauerring mit sieben weiteren Türmen errichtet. Und noch später wurde innerhalb und außerhalb dieser Mauern die Siedlung mit einfache Rundhütten erweitert.

Su Nuraxi von oben

Die sogeanannten Pinetas aus mehreren Steinreihen und einem Spitzdach aus Schilf finden sich auch anderswo auf der Insel und wurden und werden wohl auch als Hirtenhütten benutzt. Es finden sich auch einige Häuser, die bemerkenswerterweise kleine separate runde Räume besassen, die aus einer umlaufenden Sitzbank und einem zentralen Wasserbecken bestanden und damit auf einen Wasserkult hindeuten. Alles in allem ergbit sich hier eine komplexe Siedlung die im Laufe der Jahrhunderte Stück für Stück erweitert und umgebaut wurde.

Ausgrabung des Nuragheneingangs

Mitunter wurden zu späteren Zeiten auch Steine aus den oberen Etagen der Nuraghe für andere neue Gebäude wiederverwendet. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde angefangen viele der Nuraghen auszugraben, so auch Su Nuraxi. Hier kann man diesen Prozess des Ausgrabens ganz gut nachvollziehen, da an markante Steine das Datum der Ausgrabung geschrieben wurden. So war Su Nuraxi zunächst fast komplett verschüttet. Im August 1951 war die zweite Etage freigelegt, einen Monat später dann erst der ursprüngliche Eingang in der 1. Etage.

Castello di Marmilla

Von Su Nuraxi aus entdeckten wir einen einzelnen steilen konischen Berg mit einer Bebauung oben drauf. Das wollten wir uns näher ansehen. Also fuhren wir einfach mal hin. Es stellte sich als das „Castello di Las Plassas“ heraus. Die Form des Hügels wie eine Brust, gab der Festung einen alternativen Namen „Castello di Marmilla“. Die Bezeichnung Marmilla wurde später auf die ganze Subregion ausgeweitet. In dem kleinen Örtchen Las Plassas parkten wir gleich neben der leider geschlossenen Kirche im spanischen Stil und machten uns an den Aufstieg zum Castello.

Aussicht vom Castello di Marmilla

Gebaut wurde diese militärische Festung im  12. Jahrhundert. Ihr wird eine eine hohe stretegische Bedeutung zu Zeiten des Königreichs Arborea zugeschrieben und diente der Grenzkontrolle. Oben bietet sich tatsächlich ein weiter Blick in verschiedene Täler. Leider stehen von dem Castello nur noch wenige Außenmauern.
Beim Abstieg sah man von oben einen Fußballplatz in Las Plassas. War es wirklich ein Fußballplatz? Bei genauerer Betrachtung war er ziemlich klein, die Spielfeldmarkierungen sahen eher nach einem Handballspielfeld aus und die Tore hatten auch eher Handballtorgröße.

Also machten wir noch einen Abstecher zum Spielfeld um uns das genauer anzusehen.

Grünschnittentsorgung auf sardinisch

Es waren sogar ein paar Leute am Platz, so dass wir sie fragen konnten was hier gespielt wird. Der eng umbaute Platz war tatsächlich recht klein. Hier wird kein normaler Fußball und auch kein Feldhandball gespielt, sondern „Calcetto“ oder „Calcio a cinque“, was hierzulande als „Futsal“ Verbreitung findet. Die Leute am Platz räumten gerade von einem großen Dorffest mit 2000 Besuchern auf, wo der Ort selbst eher um die 200 Einwohner hat.

Vernadelungen am Strand

Blick auf Mandriola und Promenade

Das Wetter meinte es wirklich gut mit uns, so dass wir einen weiteren Strandtag einlegten. Diesmal ging es an das nörliche Ende der Sinis-Halbinsel, wo der beliebte Badestrand von Putzu Idu liegt, wo winters und abends ohne Touristen allerdings nichts mehr los ist, wie am Vortag unsere Stuttgarter Bekanntschaft zu berichten wussten. Nichts desto trotz kann man tagsüber auch dort wunderbar baden, sich an der Promenade Fahrräder, Windsurfbretter und ähnliches ausleihen oder auch Eis essen gehen. Hinter der Promenade schließt sich gleich der flache Salzsee Stagno Sa Salina Manna an, auf dem aber vor allem Möwen zu sehen waren.

Agave mit vertrocknetem Blütenstand im Hintergrund

Am Ende der Promenade beginnt schon der nächste Ort, Mandriola, der eigentlich nur aus drei vier Häuserreihen besteht, die sich am Strand entlangziehen und auch wie eine Schlafstadt für Touristen herüberkam. Es gibt zwar ein Ristorante, aber sonst keine Einkaufsmöglichkeiten im Ort. Wie überall auf der Insel wachsen auch hier viele Agaven, deren bemerkenswerten Blütenstände sehr hoch und baumartig aufschießen.

Der Strand veränderte sich dort grundlegend, da der Sand mehr und mehr von getrockneten Algen überdeckt wurde. Schließlich bildete sich dann ein dickes, flauschiges Bett aus Trockenalgen, die wiederum mit darübergewehtem Sand vermischt einen neuen Strandboden mit mehreren Schichten bildeten. Die Wellen klatschten dann an die sich mehr und mehr auftürmenden Algenberge, anstatt auf den Sand zuzurollen.

Vernadelungen am Strand

Eine weitere Besonderheit, die ich vorher noch nie gesehen habe und sich wohl an allen sardinischen Stränden findet, sind leichte braune Vernadelungen aus verfilzten feinen Strandgräsern oder -nadeln. Diese kommen in runder, flacher oder auch länglicher Form vor. Die Kleinsten sind von der Größe von Eicheln, die Größten, die wir gefunden haben, haben ungefähr Tennisballgröße. Manchmal sind sie auch mit Korallen- oder Algenresten verfilzt und sehen dann weiß gesprenkelt aus. Strandgrasschlacht!

Kork und Obsidian am Monte Arci

Aussichtsbank am Monte Arci

Heute früh mussten wir noch mal schnell zu den Flamingos, da wir gestern unsere Kamera zu Hause vergessen hatten. Danach ging es Richtung Süden zum Monte Arci. Es galt erst einmal bis zum Campingplatz Sennisceddu einige Höhenmeter per Serpentinenstraßen zu gewinnen, in der Nähe des Parkplatzes konnte man gleich mal einen weiten Ausblick über das Tal und die Tafelberge der Marmilla genießen. Gegenüber war die Hochebene Giara di Gesturi zu sehen, der wir später noch einen Besuch abstatten wollten.

Geschälte und ungeschälte Korkeichen

Auf der Aussichtsbank saß bereits ein deutsches Paar aus Stuttgart mit deren sardischer Freundin und wir kamen ein wenig ins Gespräch. Sie besuchen mindestens jährlich ihr Haus in der Nähe von Oristano und entdecken selbst jetzt nach dreißig Jahren jedes Mal noch Neues auf der Insel.

Vom Aussichtspunkt wanderten wir dann weiter nach oben durch einen Korkeichenwald. Die frisch geschälten Korkeichen erkennt man an dem roten Stamm. Der Kork wächst dann mit der Zeit wieder nach. Es ist gesetzlich geregelt, dass eine Korkeiche nur alle zehn Jahre geschält werden darf.

Korkeichenstümpfe – außen Kork, innen Stamm

Es wird der erste „männliche“ Kork von den späteren „weiblichen“ Korken unterschieden. Der männliche Kork ist grob, und brüchig. Erst der weibliche Kork ist ebenmäßiger und feiner. Nur die besten weiblichen Korke werden dann für Weinflaschen verwendet.

Entlang der Waldwege lagen jede Menge Obsidiane – auch Vulkanglas genannt, der Monte Arci war mal ein Vulkan. Da schlagen die Geologenherzen in der Familie höher – und ich darf dann alles nach Hause schleppen. Auch die frühen Bewohner Sardiniens, die Nuragher, nutzen die Obsidiane zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen, in Ihren Nuraghen wurden solche Gegenstände gefunden.

Trinkwasserquelle Fustiolau

Oben auf dem Berg ist mit dem „Parco Aquafreddo“ ein großes Gelände für Ausflügler angelegt. Es gab mehrere schön gestaltete Trinkwasserquellen, von denen aber nur die noch weiter unten gelegene „Fustiolau“ nicht trocken war. Außerdem waren dort richtig viele gemauerte Grillmöglichkeiten und ebensoviele Picknicktische und -bänke angelegt. Im Sommer und zu besonderen Anlässen muss es dort oben richtig voll sein. Jetzt waren außer uns nur ein zwei Wohnmobil-Besatzungen vor Ort.

Kletterfelsen Belvedere

Höhepunkt der Wanderung sollte dann das „Belvedere“ sein – ein Kletterfelsen, von dem aus man einen weiten Ausblick auf die westliche Küste mit Oristano und der Halbinsel Sinis hat.

Sardische Köstlichkeiten

Heute war eigentlich hauptsächlich ein Strandtag. Es wurde aber nicht an irgendeinem Strand gebadet. Unser Strand des Tages war die „Spiaggia di Is Arutas“, der sogenannte Reiskornstrand. Dort scheint sich jemand die Mühe gemacht zu haben, den Sand zu sortieren und dann bei Is Arutas nur die größeren und weißen Körner in der Größe von Reiskörnern gesammelt zu haben. Eigentlich handelt es sich wohl eher um einen Kiesstrand als um einen Sandstrand, da die feineren Sandpartikel komplett fehlen. Vorteil: das Zeug bleibt nicht so sehr an Füßen und Haut kleben. Nachteil: man kann dort keine echten steilen Löcher buddeln und damit auch keine Sandburgen bauen, da der grobe Sand kaum Wasser aufnimmt. Beim Graben trifft man zum Beispiel auch nicht so schnell auf herkömmlichen nassen Sand. Dieser Strand ist so besonders, dass an den Strandaufgängen Schilder stehen, dass man sich doch bitte am Strand die Füße säubern soll und es bei Strafe untersagt ist, Sand auch in kleinen Mengen mitzunehmen. Es fallen Strafen von 300 bis 3000 Euro an!

Flamingos auf dem Pauli ´e Sali

Nach dem Strandbesuch fuhren wir noch nach Cabras und machten einen Spaziergang zum „Pauli ´e Sali“, einem der Flachwasserseen an und auf der Halbinsel Sinis. Dort leben nämlich Flamingos! Ohne Zoo. Um die richige Ecke gelaufen und über das große Schilf geguckt sah man sie. Dort standen sehr viele von Ihnen gar nicht weit weg im Wasser. Später flogen ein paar auch noch über uns hinweg.

Johannisbrotverkostung direkt vorm Baum

Das Beste entdeckten wir aber erst nach der Rückkehr zum Auto! Direkt am Rand von Cabras und neben unserem Parkplatz wachsen Johannisbrotbäume als Straßenbäume. Die Johannisbrotschoten lagen einfach auf dem Boden! Wissen die Cabraser denn nicht was da für Schätze vor Ihren Türen lagern? Die Schoten sehen wie verschrumpelte braune Bananenschalen aus. Sie sind fest, man kann sie jedoch essen. Einfach ein Stück abbeißen und aufkauen. Sie schmecken süß und duften wie ich finde ganz toll (nach Weihnachten). In jeder Schote sind nur ein paar Kerne enthalten, die man nicht essen kann. Manchmal gibt es sie zum Beispiel an sehr gut sortierten Trockfruchtständen auf dem Striezelmarkt.

Nach diesem Fund fallen die Kaktusfeigen, die wir schon überall gesehen haben fast in Vergessenheit. An vielen Straßen wachsen nämlich Feigenkakteen meterhoch und heckenartig. Nach der Blüte färben sich die Feigen rot und warten nur darauf geerntet zu werden. Sie haben natürlich auch winzig kleine Stacheln, die nach Berührung gerne in der eigenen Haut steckenbleiben. Hat man die Stacheln abgerubbelt und die Schale entfernt bleiben das leckere süße Innere übrig, das wie Obst gegessen werden kann. Njam njam njam!

Halbinsel Sinai

Torre San Giovanni

Heute widmeten wir uns zum ersten Mal der Halbinsel Sinis, bzw. Sinai wie sie hier und da auch genannt wird. An deren Südzipfel befindet sich die Ausgrabungsstätte der antiken phönizisch-römischen Siedlung „Tharros“ aus dem 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, sowie einer von circa 70 der an der Küste Sardiniens gebauten Sarazenentürmen aus dem 16. Jahrhundert.

Blick vom Torre auf Tharros

Wir wählten das Kombiticket, das eine Woche galt und neben den beiden Sehenswürdigkeiten außerdem auch noch das archäologische Museum Cabras inbegriff. So konnten wir Mitte Oktober in brütender Hitze zwischen den freigelegten Grundmauern und Säulen flanieren und nach Eidechsen Ausschau halten, während Bauarbeiter mit schubkarrenweise Zement hin- und herliefen, plemperten und am Wasserreservoir „herumrestaurierten“, na sagen wir mal den Verfall aufhalen. Wie man es von den Römern so kennt, gab es hier mehrere Therme, ein Amphiteater, Hypokausten und Aquädukte (Kanalisation unter der Straße!).

Capo San Marco

Direkt daneben befindet sich der Torre „San Giovanni“, ein gleichnamiger Ort existiert etwas nördlich hiervon ebenfalls. Dieser wurde wie die anderen Sarazenentürme von den damaligen spanischen Besatzern zum Schutz vor den sarazenischen Piraten errichtet. Der Turm ist gut erhalten, so dass man auch heute noch von oben einen guten Überblick über Tharros, Capo San Marco und den Golf von Oristano genießen kann.

Sonnenuntergang am Stand von San Giovanni

Direkt unterhalb des Torre breitet sich auf der Mittelmeerseite der Landzunge ein Sandstrand, an dem wir uns gerne abkühlten und auf den Sonnenuntergang warteten.